
Unterweissbach / Manufaktur
Unterweißbach liegt in einem schier weltabgeschiedenen Tal, nicht weit vom Ferienort Schwarzburg im Lichtetal. Hier hat sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts etwas ereignet, das die Entwicklung des europäischen Porzellans nachhaltig beeinflussen sollte.
1882 war das Gründungsjahr der hiesigen Manufaktur, die nach Inhaberwechseln ab 1892 als „Porzellanfabrik Unterweißbach, Mann & Porzelius“ firmierte; die Bezeichnung Aktiengesellschaft trat ab 1899 hinzu. Die Belegschaft lag bei ca. 450 Personen, davon ca. 100 Heimarbeiter.
Die ersten Erzeugnisse waren Teller und Küchengeschirr, mit dem für Thüringen charakteristischen Strohblumenmuster. Nach kurzer Zeit wurde das Unternehmen mit Tintenfässern, Menagen, Lampenfüssen und ähnlichen Artikeln bereits konkurrenzfähig und weitete sein Angebot bald auf einfache Figuren, Jardinieren, Vasen, Dosen und auch Devotionalien wie Weihwasserbehälter aus.
Die Gewinne des UNTERWEISSBACHER Unternehmens gestatteten es 1901 die renommierte „Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur“ aufzukaufen und nunmehr als „Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur und Porzellanfabrik Unterweissbach“ zu firmieren. 1908 wurden der Kaufmann Edmund Troester aus Rudolstadt und der Diplomingenieur Max Adolf Pfeiffer als Vorstand und persönlich haftende Gesellschafter in Unterweissbach eingesetzt.
Im Handelsregister des Fürstlich Schwarzburgischen Amtsgerichtes zu Oberweißbach erfolgte am 16. Februar 1909 die denkwürdige Eintragung: Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst, Max Adolf Pfeiffer. Pfeiffer (1875-1957) war Porzelliner aus Berufung, einfühlsamer Künstler und ein der Porzellankunst dienender Techniker. Als Absolvent der Technischen Hochschule Dresden war er zeitig schon Mitglied des Deutschen Werkbundes. Sein Bemühen um die Porzellankunst war Ausdruck eines künstlerischen Reformprogramms, zu dem sich vor allem Architekten und Kunsthandwerker, Bildhauer und Maler bekannten. Henry van de Velde, Walter Gropius, Ernst Barlach – diese bekannten Namen mögen den Weg abstecken, den Max Adolf Pfeiffer damals einschlug.
Die „Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst“ nahmen Verbindung zu Künstlern, Institutionen und Betrieben auf, von denen man eine Zusammenarbeit unter dieser neuen Zeitstellung erwarten konnte.
Die Berühmtheit der Namen gab wohl erst in zweiter Hinsicht den Ausschlag.
Trotz aller früh einsetzenden internationalen Erfolge und Anerkennungen und dem später durchaus positiven Geschäftsgang blieben die Wirkungsmöglichkeiten Pfeiffers in Unterweissbach begrenzt. Doch das Angebot in die Königliche Porzellanmanufaktur Meißen als Direktor einzutreten, stellte ihn in Aussicht, für die Durchsetzung seiner Ideen ganz andere Möglichkeiten zu erhalten.
Dr. Edmund Troester führte ab November 1913 das Unternehmen alleine weiter und konnte nach einem kurzen Produktionsrückgang während des 1. Weltkrieges eine überaus gute Geschäftslage vorweisen.
Viele Ehrenpreise und Goldmedaillen würdigten die Leistungen.
Im Zusammenhang mit der Wirtschaftsentwicklung der zwanziger Jahre kam es zu einem internationalen Handelsboykott, der den Betrieb so schädigte, daß 1926 die Produktion eingeschränkt und die Modelle der Schwarzburger Werkstätten dem Hauptbetrieb in Rudolstadt-Volkstedt übergeben werden mußten.
Die Weltwirtschaftskrise tat ein übriges und ein Konkurs war nicht mehr abzuwenden.
1940 kaufte Heinz Schaubach den Betrieb und konnte innerhalb von zehn Jahren die Produktion wieder auf künstlerisch anspruchsvolle Erzeugnisse umstellen. So gelang den UNTERWEISSBACHER WERKSTÄTTEN FÜR PORZELLANKUNST die Rückbesinnung auf eigene Traditionslinien und bis in die heutige Zeit die damit verbundenen Erfolge bei der Herstellung des mittlerweile berühmten Sortiments.
Die Übernahme des ehemaligen „Volkseigenen Betriebes“ durch die 1794 gegründete „Königlich privilegierte Porzellanfabrik Tettau“ im Jahre 1990 garantiert die Fortführung dieser handwerklichen Porzellankunst getreu nach Pfeiffers Devise, zu schaffen „in ehrlicher Arbeit, hervorgegangen aus der Freude an dem schönsten Werkstoff..., aus Freude am Porzellan“.
Unterweissbach / Porzellankunst & Künstler
Die UNTERWEISSBACHER WERKSTÄTTEN FÜR PORZELLANKUNST sind die jüngste der heute noch tätigen Thüringer Manufakturen und eine der bedeutendsten. Nicht zuletzt auch wegen ihrer meisterhaften Beherrschung der Kunst der Spitzendekoration, die durch die verschiedensten Anordnungen und Farben dieses speziellen Belages besticht.
Mit der Erfahrung von 70 Jahren wird heute noch Baumwollspitze und -tüll mit Porzellanmasse eingestrichen und mit Pinzette und Nadel an die ungebrannte Figur gesetzt. Nach dem Glasieren und Brennen bleibt die Struktur des Stoffes erhalten und schmückt so auf einzigartige Weise.
Zweifellos sind auch in Unterweissbach die Einflüsse der Meißener Manufaktur unverkennbar, doch hat sich die liebenswerte Originalität eines nicht höfisch orientierten Porzellans bewahrt. Dazu beigetragen hat vor allem die „Pfeiffer-Zeit“ in Unterweissbach.
Max Adolf Pfeiffer begründete mit einem Dutzend Mitarbeitern den Ruhm der Abteilung „Werkstätten“ und führte sie bald zur künstlerischen Blüte. In einer Werkstatt konnten von vornherein keine großen Serien produziert werden. Pfeiffer suchte das Wesen künstlerischer Originalität aufs Porzellan zu übertragen. Und so sprach er Künstler an, deren Haltung mit seiner im Grundsatz übereinstimmte und deren Handschrift für das Material geeignet schien.
Seine kurze Schaffenszeit (1909-1913) in der PORZELLANMANUFAKTUR UNTERWEISSBACH machte fast Unmögliches möglich und hinterließ überzeugte Sachwalter seiner Erneuerungsbestrebungen. Der Name der „Schwarzburger Werkstätten“ ist heute noch ein Erkennungszeichen für wahre Porzellankunst.
Zum Erschaffen dieser einmaligen Kunst wandte sich Pfeiffer schon 1909 an den Bildhauer Ernst Barlach (1870-1939). Sechs seiner Modelle, die nach einer Rußlandreise entstanden, wurden in den folgenden Jahren herausgebracht: Russische Bettlerin mit Schale (1912/13), Blinder Bettler (1912/13), Sitzendes Mädchen (1909) und Schreitende Nonne (1909). Sie zeigen auch in der heutigen exclusiven Ausformung noch Barlachs völlig eigenständigen Stil: knapp und blockhaft, massig und schwer, jede Einzelform hat Anteil an einem ergreifend schlichten, spannungsvollen Zusammenklang.
Auch Gerhard Marcks, damals Leiter der Töpfereischule in Dornburg/Salle, stellte Max Adolf Pfeiffer vier Modelle zur Verfügung: Schreitende Löwin, Fressender Luchs, Luchsmaske und Sitzender Falke, alles klar gegliederte geschlossene Formen. Weitere Tierplastiken geschaffen von Max Esser, Etha Richter, oder Figuren aus der Hand des Berliner Bildhauers Professor Adolf Brütt, Professor Hermann Hosaeus und Professor Adelbert Niemeyer - um nur einige zu nennen - zeugen von der Vielfalt der Werkstätten.
Professor Paul Scheurich (1883-1945) war ein Glücksfall für Pfeiffer und für das Porzellan selbst. Sein damals sehr moderner Stil war an der Kunst des Rokoko geschult. Um 1910 arbeitete er für die Schwarzburger Werkstätten, später für Meißen, Nymphenburg, Berlin und andere bedeutende Manufakturen. „Jäger“ und „Jägerin“ (Modell-Nummer U 45-M und U 42-M) schuf er für die Werkstätten, ferner „Dame mit Lyra“ (Modell-Nummer U 58-M). In Meißen sagte man über Paul Scheurich, dass er Modelle schuf, die sich dem 18. Jahrhundert anschließen, ohne es zu kopieren.
Max Adolf Pfeiffers Neubeginn und die Arbeit seiner Künstler fand verhältnismäßig frühe Würdigung.
Schon 1909 erhielten die Schwarzburger Werkstätten in Wiesbaden einen Ehrenpreis des Preußischen Staates und eine Gold-Medaille. 1910 den Staatspreis und eine goldene Medaille in Wien und Brüssel, 1911 zwei Medaillen zum Ehrenpreis in Turin, 1913 eine Goldmedaille anlässlich der Internationalen Baufachausstellung in Leipzig und eine Goldmedaille der Weltausstellung in Gent und 1915 eine Medaille der Baltischen Ausstellung.
Auch der Name Otto Thiem ist mit den Schwarzburger Werkstätten eng verbunden. Ihm wurde dort das Glück zuteil, von der kunstverständigen Fürstin Anna Luise zu Schwarzburg-Rudolstadt und Sondershausen mit der Modellierung eines Tafelschmuckes beauftragt zu werden. Dieser Tafelschmuck war bestimmt für den Kaisersaal des Schlosses Schwarzburg. Er sollte, so wünschte es die Fürstin, den Jagdzug des Fürsten, dessen Verwandte und Jagdfreunde in Form mehrerer Gruppen darstellen. Eine der beiden großen Mittelgruppen zeigt den Fürsten bei der Begutachtung eines erlegten Hirsches, die andere die Fürstin selbst, bei der Besichtigung eines erlegten Keilers. Neben Prinzessin, Hofdamen mit Adjutanten, des Fürsten Leibjäger und Treiber wurden auch noch vier Schweißhunde in Porzellan porträtiert.
Dieser Auftrag war für Otto Thiem die Krönung seines Schaffens. Zweieinhalb Jahre war er mit dieser Arbeit ausgefüllt. Von jedem Modell wurden nur wenige Stücke ausgeformt. Pfeiffer sprach von einem „Jahrhundertauftrag“ und urteilte nach dem Abschuss der Arbeiten 1912:“...die Arbeit dürfte als Ganzes ihren Platz in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Porzellans wohl behaupten“.
Im April 1913 schied Max Adolf Pfeiffer von Unterweißbach und ging zur Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen. Dr. Edmund Tröster bemühte sich als neuer Geschäftsführer, die Werkstätten mit dem Anspruch Max Adolf Pfeiffers fortzuführen. Die wirtschaftliche Entwicklung war erfolgreich, obwohl dem großen ökonomischen Erfolg das hohe künstlerische Niveau im Wege zu stehen schien.
Für die „Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst“ und auch für die „Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur“ arbeiteten auch einheimische Modelleure wie Gustav Oppel, der ausschließlich Figuren schuf. Arthur Storch modellierte Kindergruppen, köstliche Volkstypen und Raubtierplastiken.
Die menschliche Figur, die damals zeitgemäße und die exotische, reizten Hugo Meisel und gleichzeitig ist er auch Schöpfer vieler origineller Tierplastiken.
Das neue Profil der UNTERWEISSBACHER WERKSTÄTTEN wurde durch die Modelleure Kurt Steiner, Kurt Lautensack und Heinz Schober wesentlich mitbestimmt. Themenwahl und Dekorationsstil taten ein übriges.
Man wandte sich wieder verstärkt der Jagd und den Tierdarstellungen zu und schuf die für Unterweissbach so typische Blumenmalerei. Zu den erlesenen Stücken zählen seit Jahrzehnten schon die berühmten Kutschenmodelle, die mittlerweile Prachtstücke vieler internationaler Porzellansammlungen sind.
Die „Kutsche Augusts des Starken“ und die „Kutsche Ludwig XIV.“ (Modell-Nummer 9086-SP-10), eine frühe Arbeit Kurt Steiners, sind virtuose Schöpfungen UNTERWEISSBACHER PORZELLANKUNST. Durch sie bekommt man einen Eindruck der üppigen barocken Formen und Linien und des damaligen höfischen Glanzes. Die Bemalung steht zu den historischen Formen in einem spannungsreichen Verhältnis. Ihre stilistischen Merkmale sind auf heimatlichem Boden gewachsen, sind also eine liebenswürdige Thüringer Zutat. Und: UNTERWEISSBACHER Malerei bringt den weißen Scherben zur Geltung, sie deckt ihn nicht zu.
Dass man sich hier in waldreicher Gegend dem Jagdthema besonders zugetan fühlt, ist verständlich. Modelleure haben hier auch beste, natürliche Voraussetzungen zum Naturstudium. Sachkenntnis bis ins waidmännische Detail, brillante Modellierkunst und die typische Blumenmalerei machten Gruppen wie das „Jägerfrühstück“ von Gustav Oppel zu einem Treffer bei den Sammlern.
In der Neuzeit war der Modelleur Heinz Schober für UNTERWEISSBACH tätig. „Der große Jagdzug“ führt wieder in die liebenswürdig scheinende Epoche des Rokoko. In insgesamt fünf Gruppen führt er uns den fürstlichen Ausritt zur Jagd vor: temperamentvolle, kaum zu zügelnde Pferde, die distanzierende Gelassenheit des Fürsten in seiner Kutsche. Ein großer künstlerischer Wurf, der historisch bis in jede Einzelheit stimmt.
Schober schuf auch die „Musketiere“ (Modell-Nummer 10112...-BT) nach Alexander Dumas literarischer Vorlage. Diese Gruppe besteht aus vier einzelnen Figuren. Modelleur und Maler gelangen damit individuelle Charakterstudien mit Witz und symphatischem Charme. Heinz Schober ist in seinen Arbeiten ein einfühlsamer und erfahrener Pferdeanatom. Die Figuren der „Spanischen Hofreitschule“ (Modell-Nummer 9736...-BT) zeigen wie er selbst die „Hohe Schule“ des Modellierens beherrscht. Da ist „Piaffe“ mit ihren trabartigen, fast auf der Stelle bleibenden Bewegungen, da gibt es die „Levade“ zu sehen: das Pferd richtet sich auf den Hinterbeinen auf, und im „Trott“ darf das Pferd endlich gelöst schreiten.
Es ist eine Besonderheit der sächsisch-thüringischen Porzellanmanufakturen, im figürlichen Schaffen bedeutsame Ereignisse und Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart darzustellen. Oftmals dienten zeitgenössische Zeichnungen und Gemälde dem Modelleur als Vorlage.
Viele Beispiele dazu finden sich im UNTERWEISSBACHER Sortiment. So wurde Mozart verewigt im „Dreimäderl-Haus“ oder Franz Schubert im Kreise der Freunde bei den berühmten, regelmäßig stattfindenden Lese- und Musizierabenden. Es war eine illustre Gesellschaft, die sich zu den „Schubertiaden“ einfand. Zu diesem Kreis gehörten Opernsänger, Schriftsteller wie z.B. Franz Grillparzer, oder der Maler Moritz von Schwindt.
Diese und andere Figuren, wie die von Kurt Steiner so meisterhaft ins Porzellan gesetzten Tänzerinnen des Ballets „Schwanensee“ (Modell-Nummer 9476... SP), erscheinen als filigran in der Modellierung und farbzart in der Bemalung mit kostümhistorischer Authentizität. Man vermeint, Peter Tschaikowsky`s Musik zu hören.
Flüchtig Leichtes, ja Rauschhaftes einer Rokokofigur entsteht dann noch zusätzlich durch die prächtige Spitze. Nur noch wenige Manufakturen widmen sich dieser Spezialität. Doch die Werkstätten sind es ihren Sammlern schuldig.
Die UNTERWEISSBACHER Modelleure und Maler, die mitunter in der dritten oder vierten Generation in „ihren Werkstätten“ arbeiten, werden den Personen und den Geschichten mit ihren Figuren gerecht durch die hohe Güte der Modellierung und der charakteristisch-eigenständigen Malerei.
Die verpflichtenden Grundsätze Max Adolf Pfeiffers sind heute wieder lebendig. Der künstlerische Manufakturcharakter, in dem die Handarbeit dominiert, wird bewahrt und weitergeführt. Bei der Herstellung und Veredelung des Porzellans stehen den Mitarbeitern Originalmodelle und ungezählte Musterbücher zur Verfügung. So sind auch heute UNTERWEISSBACHER Modelle Originale mit kulturhistorischer Identität, die die Freude am Sammeln wieder aufleben lassen.
